Leseprobe Erstes Kapitel


An einem Septembermorgen des Jahres 1957 legen sich die Journalistin Tikvah Weinstock und ein Fotograf am Strand des israelischen Badeorts Herzliya auf die Lauer. Ihr Auftrag ist es, ein Foto von David Ben-Gurion, dem 70jährigen Staatsgründer und Premierminister zu schießen. Ein besonderes Foto soll es werden, denn die Zeitung „Maariv“ hat erfahren, dass sich der notorisch unsportliche Ben-Gurion angewöhnt hat, am Strand gegenüber des Hotels Ha-Sharon auf dem Kopf zu stehen. Um 9:30 Uhr, nach zwei Stunden Wartezeit, erspähen die Journalisten die Gestalt des stämmigen und weißhaarigen Ben-Gurion in Begleitung seiner zwei Leibwächter beim Verlassen des Hotels. Der Premierminister trägt leichte Baumwollkleidung. Er hat offensichtlich noch nicht vor, zum Strand hinunter zu gehen. Zuerst steht ein Morgenspaziergang der energischen Art auf dem Programm. In einem Restaurant am Strand weiß man Bescheid: Ben-Gurion wird erst um die Mittagszeit herum an den Strand gehen. Kurz nachdem der Premierminister gegen 12:00 Uhr ins Hotel zurückgekehrt ist, tritt seine Ehefrau Pola vor den Eingang. Dann marschiert sie zum Strand hinunter. Die Journalisten wagen es, sich der Frau im Badeanzug zu nähern. Sie haben Glück, denn Pola ist offensichtlich in Urlaubsstimmung und demzufolge ungewöhnlich gesprächig. „Das mit dem Kopfstand“, erzählt Pola, „ist wirklich eine ungewöhnliche Sache. Die Idee dahinter ist, dass beim Kopfstand Herz und Lungen besser durchblutet werden. Diese Methode stammt von Dr. Feldenkrais. Er ist Spezialist wenn es um die Beziehung zwischen Körper und Geist geht. Er sagt, dass man über das Gehirn jeden Muskel des Körpers bewegen kann. Ben Gurion ist sicher, dass Feldenkrais ihm sehr geholfen hat. Ich selbst mache keinen Kopfstand. Dafür ist mein Kopf zu klein. Ich bin schon froh wenn ich auf den Beinen stehen kann.“

 

Im November des vorangegangenen Jahres hatte das noch anders geklungen. Da war die resolute gelernte Krankenschwester Pola noch überzeugt gewesen, dass Dr. Moshé Feldenkrais – den sie „Mr. Hokuspokus“ nannte – nur die wertvolle Zeit ihres vielbeschäftigten und seit einiger Zeit leidgeplagten Ehemanns verschwende. Schon in seiner Jugend hatte Ben-Gurion unter Rückenschmerzen gelitten, doch seit einigen Jahren traten Anfälle von Lumbago, dem sogenannten „Hexenschuss“, in immer kürzeren Abständen auf. Die Schmerzen waren mitunter so schlimm, dass er das Bett hüten musste. Nicht genug damit, war Ben Gurion 1955 zeitweise unfähig gewesen, vom Bett aufzustehen ohne sofort von Schwindel gepackt zu werden. Auch wenn diese Schwindelanfälle schließlich verschwunden waren, so hatte der Premierminister aufgrund des Lumbago doch zunehmend Schwierigkeiten, in ein Auto zu steigen und konnte sich vor aller Augen nur noch mit Mühe aus seinem Stuhl in der Knesset erheben. Auf Auslandsreisen erhielt er Spritzen, damit er nicht unter den Schmerzen zusammenbrach. Keiner seiner Ärzte hatte ihm dauerhaft helfen können. Schmerzmittel und ein Stützkorsett, das war die einzige Therapie, die ihnen eingefallen war. Und als ihn Anfang November 1956 ein neuer schlimmer Anfall von Lumbago ans Bett fesselte, war Ben-Gurions Energie mehr denn je gefordert: Die israelische Armee kämpfte sich Richtung Suez-Kanal durch, um die Meerenge von Tiran wieder für israelische Schiffe passierbar zu machen und um gegen die Terroristen, die von Gaza aus fast wöchentlich Israelis ermordeten, vorzugehen. Während die Aktion in Koordination mit Großbritannien und Frankreich geplant worden war, drängte der US-Präsident die Israelis zum Rückzug und drohte die Sowjetunion mit Intervention im Nahen Osten und der Bombardierung von Paris und London. Und ausgerechnet in dieser angespannten politischen Situation war Ben-Gurion unfähig, auch nur das Haus zu verlassen. Jetzt plagten ihn nicht nur Rückenschmerzen, er litt sogar an einer Lungenentzündung. Ben Gurions Freund, Professor Aharon Katzir, besuchte den Premierminister in dessen Haus auf dem Keren-Hakayemet-Boulevard und schlug ihm vor, die Hilfe von Dr. Feldenkrais zu suchen. Ben-Gurion erinnerte sich, dass er den Namen schon einmal gehört hatte: Einige Jahre zuvor hatte er einen Brief erhalten, in dem ihm ein besorgter Bürger ebenfalls geraten hatte einen „Dr. Feldenkrais“ um Hilfe zu bitten. Er hatte den Brief nicht ernst genommen und weggeworfen. Etwas anderes war es jedoch, wenn Professor Katzir, einer der angesehensten Wissenschaftler Israels, überzeugt von Feldenkrais´ Methode war. Vor wenigen Jahren, so konnte Katzir Ben-Gurion erzählen, sei Feldenkrais extra aus London nach Israel geflogen, um den angeblich unheilbar kranken Bruder eines gemeinsamen Bekannten erfolgreich zu behandeln. Auch Israels berühmteste Schauspieler, Aharon Meskin und Chanah Rovinah, sowie Katzir selbst nahmen schon seit Jahren bei Feldenkrais Unterricht. Und welche Wahl hatte der Premierminister schon, wo doch die Schulmedizin mit seinem Fall heillos überfordert schien? Entgegen den Warnungen Polas und seiner Ärzte teilte Ben-Gurion dem besorgten Katzir schließlich mit, dass er vielleicht bereit sei, dem promovierten Ingenieurswissenschaftler Feldenkrais eine Chance zu geben. Wenige Tage später erschien Katzir wieder in Ben-Gurions Tel Aviver Haus. In seiner Begleitung befand sich ein mittelgroßer, breitschultriger Mann mit freundlichem, breiten Gesicht und den kräftigen Händen eines Bauarbeiters. Offensichtlich war er nicht nur ein Mann des Geistes sondern auch einer der Tat. Und obwohl der Mann fließend Hebräisch sprach, verriet sein Akzent, dass er – wie Ben-Gurion selbst – ein osteuropäischer Jude war. Ben-Gurion war ein Mann, der stets ohne Umschweife zur Sache kam: „Ich habe das größte Vertrauen in Aharon“, sagte er Feldenkrais, „aber wie willst Du mich davon überzeugen, dass deine Methode wirklich gut ist?“ Moshé Feldenkrais akzeptierte Ben-Gurions Skepsis und antwortete ruhig: „Ich kann dir viele Namen nennen, von Leuten die du kennst und die bei mir gelernt haben. Dann kannst du überlegen, wen davon du befragen möchtest. Oder ich gebe dir Dankes- und Lobesbriefe von anderen ziemlich berühmten Menschen, die bei mir gelernt haben. Oder ich gebe dir meine Bücher zum Lesen. Oder aber du entscheidest dich dafür meine Methode direkt mit mir kennenzulernen.“

„Und wie lange müsste ich bei dir lernen?“

„Da du kein junger Mann mehr bist und dein Gesundheitszustand auch nicht allzu gut ist, bräuchtest du schon 70 Unterrichtsstunden“, räumte Feldenkrais ein. „Wenn du aber erst gar nicht vorhast, wirklich alle Termine inklusive des letzten wahrzunehmen, dann rate ich dir, gar nicht erst mit dem Unterricht anzufangen. Aber“, so fügte er hinzu, „vielleicht bist du ja auch schon zu alt um dich zu ändern.“

Dieser letzte Satz war eine gezielte Provokation, denn Moshé war zutiefst überzeugt davon, dass Menschen jeden Alters dazulernen, sich verbessern können. Aber vielleicht hatte er instinktiv gespürt, was Ben-Gurion wirklich Sorgen bereitete: Die vermeintlich unaufhaltbaren und naturbedingten körperlichen und geistigen Verfallserscheinungen des Alters. Das Gefühl, so viel tun zu müssen und gemessen an der Größe der Aufgaben jedoch kaum noch Zeit dafür zu haben. Schließlich stand auch Feldenkrais selbst zu diesem Zeitpunkt, im Alter von 52 Jahren, ungeachtet seiner Erfolge erst am Anfang seiner Pionierarbeit. Auch er musste befürchten, keine Zeit mehr zu haben, seine ambitionierten Träume zu verwirklichen. Aber vielleicht würde er einen entscheidenden Schritt weiterkommen, wenn es ihm gelänge, Ben-Gurion als Schüler zu gewinnen? Dass er dem Staatsgründer würde helfen können, sich selbst zu helfen, daran hat Feldenkrais wohl keine Sekunde gezweifelt. Und eine Ehre würde es sowieso sein, Ben Gurion als Schüler zu haben: Mochten viele Israelis auch über den „Alten“ schimpfen und seine Politik kritisieren, so war der weißhaarige Ben-Gurion doch derjenige, der das Unmögliche möglich gemacht, der den jüdischen Staat gegründet hatte. Ein sozialistischer Messias in kurzen Khakihosen. Ein Vater, gegen den man rebelliert. Aber eben doch ein Vater.

Ben-Gurion erklärte sich einverstanden, es mit Moshé zu probieren. Er schlug vor, jeden Tag eine Stunde Unterricht bei ihm zu nehmen. Moshé bezweifelte, dass er über zwei Monate lang jeden Tag Zeit für den Premierminister haben würde, doch Ben-Gurion ließ diesen Einwand nicht gelten: „Ich habe jeden Tag Zeit, dich zu sehen und ich bin so beschäftigt wie du!“ Noch Jahre später schwärmte Moshé:

 

Seine eigenen Fähigkeiten zu verbessern, das erfordert Zeit. Ohne die Beherrschung der Zeit gibt es kein Wissen, keine Liebe und keine Verbesserung des Könnens. Das Erste, was mich bei unserem Kennenlernen völlig verblüfft hat war, wieviel freie Zeit sich Ben-Gurion nimmt. Dieser Mann, der ja wirklich nicht wenig zu tun hat, findet jeden Tag noch viele Stunden Zeit zu lernen und zu lesen. […] Seine Fähigkeit, die Arbeit liegen zu lassen und sich augenblicklich einer anderen Sache zuzuwenden, ist wirklich ganz erstaunlich. Das muss man gesehen haben.

 

Schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung wurde Feldenkrais Zeuge, wie souverän und lässig sich Ben-Gurion einfach Zeit nahm: Während Levi Eshkol und andere Minister im Salon seines Hauses auf einen Anruf des US-Präsidenten Eisenhower warteten, erschien Moshé zur verabredeten Unterrichtsstunde. Sofort gingen Ben-Gurion und sein Lehrer zur „Feldenkrais-Stunde“ in den ersten Stock. Überraschungen waren ja ohnehin nicht zu erwarten: Der amerikanische Präsident, der sich weigerte, Israel Waffen zu liefern, würde ja nur wieder einmal fordern, dass sich Israel aus den besetzten Gebieten in Ägypten zurückziehen solle. Natürlich rief Eisenhower genau während der Unterrichtsstunde an und natürlich unterbrach Ben-Gurion seine Lektion für keine Sekunde. Erst nachdem er und Feldenkrais ihre Arbeit beendet hatten, ließ er sich erzählen, was der US-Präsident gesagt hatte. Dann ging er zu seinen Ministern und teilte es ihnen mit.

Ben Gurions Vertrauen in Moshés Können war spätestens restlos gesichert, nachdem dieser zum Entsetzen Polas und der Ärzte eines Tages vorgeschlagen hatte, einen Fieberanfall des Premiers durch bestimmte Bewegungsabläufe zu senken - und es geschafft hatte.

Doch so eifrig und vertrauensvoll Ben-Gurion auch bei der Sache war, nach zwei Monaten Feldenkrais-Unterricht schien ihm immer noch nicht ganz deutlich zu sein, worin der Sinn dieser vorsichtigen und langsamen Bewegungsabläufe bestand, zu denen Moshé ihn aufforderte. „Feldenkrais kam wieder vorbei um mir die Muskeln zu strecken“, notierte Ben-Gurion am 1.Januar 1957 in sein Tagebuch. Immerhin: Dank Moshé war der „Alte“ bald seine Rückenschmerzen los. Ebenso wie seine chronische Heiserkeit, die von einer Überanstrengung der Stimme verursacht worden war. Der Premierminister wurde geradezu „süchtig nach dem Feldenkrais-Unterricht“. Eine Rolle dürfte dabei auch gespielt haben, dass Ben Gurion inzwischen von Moshé erfahren hatte, dass es bei dem Unterricht eigentlich weniger um bewegliche Körper als vielmehr um bewegliche Gehirne gehe. „Was Ben Gurion am meisten bedrückte, war, dass sein Gedächtnis schlechter wurde“, erinnert sich Zeev Zachor.

 

Sein Gedächtnis war so etwas wie eine politische Waffe. Er war immer in der Lage gewesen, sich daran zu erinnern, was Leute gesagt hatten. Wörtlich! Und in seinen 70ern spürte er, dass sein Gedächtnis nachließ. Und so begann er Bücher zu lesen, über die Funktionsweise des Gehirns, über das Gedächtnis, er machte sich da wirklich schlau.

 

Am Anfang der Behandlung hatte Moshé Ben-Gurion versprochen, mit Hilfe seiner Methode „nicht nur Freude am Zionismus sondern am eigenen Körper“ zu finden. Abwesenheit von Schmerz war zwar schon ein wichtiger Schritt auf diesem Weg, doch Moshé wollte mehr erreichen. Seit langem schon war er davon überzeugt, dass nur derjenige wirklich gesund ist, der es schafft, seine geheimen Träume zu verwirklichen. Und bald fand Moshé in Gesprächen mit Ben-Gurion heraus, dass dieser immer schon davon geträumt hatte, einen Kopfstand zu machen. Ein Wunsch, der vielleicht auch durch Ben-Gurions Interesse am Buddhismus und seine enge Freundschaft mit dem burmesischen Premierminister U Nu verstärkt wurde. Allerdings traute sich der Mann, der den ersten jüdischen Staat in Eretz Israel nach 2000 Jahren Exil gegründet hatte nicht zu, einen Kopfstand zu machen. Er traute sich nicht einmal zu, von einem Hocker zu springen. Mit anderen Worten: David Ben-Gurion hatte, was den eigenen Körper betraf, ein eher kümmerliches Selbstbild. Zwar war er schon als Kind keiner Prügelei aus dem Weg gegangen, doch was sportliche Aktivitäten betraf, hatte er sich nie hervorgetan. Und als Ben-Gurion dann 1906 nach Eretz Israel gekommen war, hatte er zwar harte körperliche Arbeit verrichtet, doch hätte er – geschwächt von Malaria und Hunger – dieses harte Leben nicht lange durchgehalten. Das Angebot für die linke Tageszeitung „Achdut“ zu schreiben, rettete ihm wahrscheinlich das Leben. Und so hatte er seit 1910 vor allem mit dem Kopf gearbeitet und den Rest seines Körpers notgedrungen mit durchs Leben geschleppt. Kein Wunder also, dass er sich im Alter von 70 Jahren nicht vorstellen konnte, wozu er – ungeachtet seines Alters und der jahrzehntelangen Unterforderung seines Körpers – tatsächlich in der Lage war. Ben Gurion glaubte Feldenkrais zwar, dass dieser in der Lage sei, das Unmögliche zu schaffen und ihm den Kopfstand beizubringen, aber würde er diesen Erfolg auch überleben? Diese Frage kam nicht von ungefähr, denn als bekannt wurde, dass es in Feldenkrais´ Unterricht inzwischen darum ging, den Regierungschef auf den Kopf zu stellen, lief das medizinische Establishment Amok. Führende Ärzte warnten Ben-Gurion, dass es seinen sicheren Tod bedeute, wenn er ungeachtet seines chronisch hohen Blutdrucks einen Kopfstand mache. Ben-Gurions Feldenkrais Unterricht wurde plötzlich zur Frage der nationalen Sicherheit, mehr noch, es ging um die Zukunft des jüdischen Staats! Als Ben-Gurion seinen Freund fragte, was er über die Warnungen der Ärzte denke, antwortete Moshé:

 

Ich könnte dir sagen, dass das Risiko für mich größer ist als für dich. Denn wenn du während des Unterrichts stirbst, was kümmert es dich dann, was nach deinem Tod passiert? Doch ich werde nicht sterben sondern bis an mein Lebensende mit einem Makel herumlaufen, die Leute werden sagen: Seht, das ist der Mann der Ben-Gurion ermordet hat! Außerdem würde ich bestimmt im Gefängnis landen, denn sowohl du als auch ich wurden ja gewarnt.

 

Und dann erklärte Feldenkrais Ben Gurion, warum es für diesen wichtig sei auf dem Kopf zu stehen: „Du kannst Leuten Befehle erteilen und du kannst einen Staat errichten“, sagte er, „aber seit deiner Kindheit bist du nicht mehr wirklich gewachsen, weil du eben nie etwas mit deinen Füßen oder Händen getan hast, woran du Spaß gehabt hättest!“

Natürlich sei Ben Gurion großartiger als jeder andere Mensch, räumte Moshé ein, aber eben nicht in seinem tiefsten Inneren. Er habe jetzt die Chance ein größerer und sogar noch großartigerer Ben-Gurion zu werden. „Das will ich dir geben. Und deswegen, gehe und mache es.“ Die Antwort des Premierministers war klar: „Ani ma'amin lecha. Ich glaube dir.“ Der Glaube seines Schülers reichte Moshé allerdings nicht: Wenn Ben Gurion nicht zuerst begreifen und dann tun konnte, solle er zuerst tun und dadurch begreifen! Und so würde er beispielhaft erleben, dass er viel mehr konnte als er sich je zugetraut hatte!

Es spricht für Feldenkrais, dass er das gesundheitliche Risiko für den alten Mann nicht leugnete. Jahrzehnte später beteuerte Feldenkrais, er habe Ben-Gurion zwei Jahre lang behutsam und Schritt für Schritt darin unterrichtet auf dem Kopf zu stehen. Dies war eine leichte Übertreibung, denn bereits am 4.Juli 1957 notierte Ben-Gurion in sein Tagebuch: „Heute begannen wir mit den ersten Schritten zum Erlernen des Kopfstands.“ Zwei Monate übte Ben Gurion bereits den Kopfstand, als er sich schließlich in Begleitung von Pola und „Mr. Hokuspokus“ nach Herzliya aufmachte, um dort im Hotel Ha-Sharon sein Verjüngungs- und Gesundheitsprogramm fortzusetzen. Die strenge Diät, die er dort absolvieren wollte, ging allerdings nicht auf das Konto seines Lehrers, denn Feldenkrais hielt grundsätzlich nichts von Diäten. Genauso wenig wie er es einsah mit dem Rauchen aufzuhören. Prinzipien waren nie seine Sache gewesen. Prinzipien und ein offener Geist – das passte seiner Überzeugung nach nicht zusammen. Und so war sein einziges Prinzip keine Prinzipien zu haben: „Wer nach Prinzipien lebt, der ruiniert das Leben seiner Mitmenschen!“ Ein Widerspruch, mit dem Moshé gut leben und noch besser arbeiten konnte. Am 15.9.1957 schrieb Ben-Gurion an seine Tochter Ranana:

 

Ich gehe hier jeden Tag schwimmen und der weiche Sand am Strand eignet sich sehr gut für den Kopfstand. Feldenkrais ist für sechs Wochen nach London gereist. Die letzten Übungen, die er mit mir gemacht hat, betrafen den Kopfstand. In seiner Gegenwart hatte ich den Kopfstand nicht richtig geschafft. Erst hier hat sich mir das Geheimnis offenbart: Weil ich keine Angst mehr hatte zu fallen – fiel ich nicht. Und schaffte es. Jetzt mache ich den Kopfstand auch im Hotelzimmer. Ohne Angst zu fallen oder wegzukippen.

 

Und so hat die Journalistin Tikvah Weinstock an jenem Septembertag eine realistische Chance, das ersehnte Foto von Ben-Gurion zu schießen. Und dann, endlich, erscheint Ben-Gurion um 12:15 Uhr am Strand. In schwarzer Badehose und mit sonnenverbranntem Oberkörper, in der Hand Sandalen und Handtuch. Dann stapft er ins Wasser und beginnt auf dem Rücken liegend zu schwimmen. Der Bademeister sieht anerkennend zu: „Eigentlich schwimmt er richtig gut. Vor allem, wenn man bedenkt dass er das seit Jahren nicht mehr gemacht hat.“ Nach 20 Minuten kehrt Ben-Gurion an den Strand zurück und absolviert in Begleitung seiner Leibwächter einen längeren Marsch am Meer entlang. Schließlich kommt er zurück und dann geschieht endlich, worauf die Journalistin so sehnlich gewartet hatte: Ben-Gurion geht herunter auf alle Viere, Hände und Kopf auf den weichen Sand gestützt und dann steht er – nach dem zweiten Versuch – tatsächlich auf dem Kopf. Auch die Leibwächter schauen fasziniert zu und bekennen: „Wir haben es auch versucht. Aber nicht geschafft.“ Als Ben-Gurion und Pola mit den Leibwächtern wieder Richtung Hotel marschieren, sagt jemand, dass „der Alte“ wunderbar sei. Worauf Pola sich umdreht und fragt: „Der Alte? Wer ist hier alt?“

 

Kein Wunder, dass David Ben-Gurion vor stolz fast platzte. Auch der Vorschlag seiner Ehefrau, er solle doch einen Zirkus aufmachen, denn dabei würde er mehr verdienen, minderte die Freude an seinen neu entdeckten Fähigkeiten nicht im Geringsten. Und er war voll des Lobes für Feldenkrais: „An Geist und Körper spüre ich den Segen seiner Fähigkeiten und seines Wissens. Meine Rückenschmerzen sind verschwunden und ich bin sicher, dass sie nicht wiederkehren werden.“

Nachdem Ben-Gurions Lieblingsfotograf Paul Goldman den Kopfstand des „Alten“ fotografiert hatte, gingen die Fotos um die Welt. Moshé erfuhr vom Erfolg seines Schülers aus der Londoner Presse. Von nun an würde er der Mann sein, der „Ben-Gurion auf den Kopf gestellt hat“. Doch die Fotos von Ben-Gurion machten Feldenkrais nicht nur berühmt, sie sollten auch zu dem bis heute verbreiteten Missverständnis führen, dass die Feldenkrais-Methode darin besteht, Menschen den Kopfstand zu lehren. Daran änderten auch die vielen Interviews nichts, die Feldenkrais nach seiner Rückkehr aus London geben musste. Ganz Israel wollte nun wissen, wer dieser Mann sei, der Ben Gurion nicht nur von seinen Schmerzen befreit, sondern ihn auf wunderbare Weise sogar verjüngt hatte. Warum hatte ausgerechnet Feldenkrais dem Premierminister helfen können, wo doch alle Ärzte versagt hatten? Worin liegt das Geheimnis seiner Methode? Wer, so fragte man sich, ist dieser „Mr. Hokuspokus“ überhaupt? Wer ist Moshé Feldenkrais?